Leseprobe Labyrinth der Wahrheiten - Zum Stand der Forschung beim Attentat auf John F Kennedy

Die ARD: Castro ist schuldig.

Eine »profunde Dokumentation, die einen völlig neuen zeitgeschichtlichen Blick auf den 22. November 1963 öffnet.«
(ARD-Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf)

»Bei ARD und ZDF sitzen Sie in der ersten Reihe« (1), meinen die im Sender Verantwortlichen. In einer ARD-Produktion mit dem Titel »Rendezvous mit dem Tod – Kennedy und Castro« (2006) machte Filmautor Wilfried Huismann den kubanischen Staatspräsidenten Fidel Castro für den Mord an Kennedy verantwortlich. Zum Beweis ihrer Kuba-These präsentierte die Fernsehanstalt ein angebliches Geheimdossier (2), welches aus den sechziger Jahren stammen soll. Aus diesem Geheimdossier soll hervorgehen, dass sich der Leiter des kubanischen Geheimdienstes am Tag des Attentats in Dallas aufhielt. Logischerweise, um den Verlauf des Attentats zu überwachen.

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Dabei wurde durch die Verantwortlichen verschwiegen (3), dass das sogenannte Geheimdossier schon viele Jahre vor der Filmausstrahlung als schlichte Buchidee (!) eines früheren Wahlkampfhelfers von Präsident Johnson in den US-Nationalarchiven dokumentiert ist. Quelle dafür ist der Schreiber der Buchidee selbst, der seine Zeilen außerdem erst in den neunziger Jahren abgefasst hatte.

Buchideen seiner Zeugen scheinen es Huismann aber für seinen Filmbeitrag angetan zu haben. So behauptet hier ein Antulio Ramirez, er habe bei dem kubanischen Geheimdienst eine Geheimdienstakte beim zufälligen Stöbern gefunden. In dieser Akte soll dem späteren Kennedy-Mörder Oswald eine positive Empfehlung durch den sowjetischen Geheimdienst KGB bescheinigt worden sein. Filmzitat:

»Der … Geheimdienst KGB empfiehlt uns ein Individuum namens Lee Harvey Oswald«.

Bewiesen wird das Ganze durch das, Filmzitat, »kubanische Tagebuch« von Ramirez. In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Tagebuch aber nur um ein Buchmanuskript, welches Ramirez erfolglos vermarktet hatte.  Und riskiert man aufgewühlt dort einen Blick hinein, liest sich die Empfehlung für Oswald – sofern sie denn überhaupt je existierte – schon sehr differenzierter:

»Der … Geheimdienst KGB empfiehlt uns zwar ein Individuum namens Lee Harvey Oswald, aber nicht besonders«.

Schon in den siebziger Jahren hatte Ramirez zugeben müssen, dass Teile seines Manuskriptes übertrieben sind. Den Sinn der besagten Geheimdienstakte verstand er, nach eigener Aussage unter Eid, dadurch – und das ist kein Scherz! –, dass er die Buchstaben des kyrillischen Alphabetes solange um ihre Achse gedreht hatte, bis er sie ins Spanische »übersetzen« konnte. Wen wundert es dann noch, dass US-Ermittler seine komplette Geschichte als unwahr bewerteten und ihn als »Märchenerzähler« einstuften? Die ARD-Verantwortlichen und den Filmautor Huismann, wahrscheinlich.

Ein anderer Zeuge namens Laurence Keenan behauptet in Huismanns Film, er habe für das FBI Ermittlungen geführt, die eine Verbindung Kubas zum Kennedy-Attentat beweisen. Auf Weisung von Präsident Johnson jedoch mussten die Ermittlungen eingestellt werden, so die kühne Behauptung. Denn die verantwortlichen US-Politiker befürchteten eine nukleare Auseinandersetzung zwischen den Supermächten, wenn die kubanische Tatbeteiligung bekannt werden würde:

»Es dauert nicht mehr lange, dann werden die Atomraketen fliegen. Das hat er gesagt und es steht in meinem Bericht«,
sagt Keenan im ARD-Film über seinen 1963 erstellten Bericht.

Er wie auch Huismann gestanden bei der Erstpräsentation des Filmes mir gegenüber ein, keinen blassen Schimmer über den Verbleib dieses wichtigen Berichts zu haben. Dabei ist er ganz leicht zu finden: in den Räumen des US-Nationalarchivs. Und liest man nun gespannt in dem Bericht von Keenan nach, dann fehlt die im Film kühn behauptete Passage. Und aus dem Bericht geht das ganze Gegenteil hervor: Nichts sprach für eine Tatbeteiligung der Kubaner. Sogar unter Eid stehend, bekräftigte das der Kronzeuge des ARD-Filmbeitrags Keenan erneut. 

Kein Wort findet sich über das und mehr in dem auch mit Gebührengeldern finanzierten ARD-Filmbeitrag, der als »Durchbruch in der Kennedy-Forschung«  mit beweihräucherndem Eigenlob beworben wurde. Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf bezeichnete die Produktion gar als eine »profunde Dokumentation, die einen völlig neuen zeitgeschichtlichen Blick auf den 22. November 1963 öffnet«. Allerdings blieb das Echo auf die ARD-Dokumentation der Forscherszene im anschwellenden Hals stecken.

Mehrere Jahre haben die Filmemacher für dieses Rechercheergebnis – mit Buchideen als Geheimdossier, mit Zeugen, die unter Eid oder gegenüber den Filmautoren skrupellos logen und Zeugen, die Sprachübersetzungen durch das Drehen von Buchstaben anfertigten – benötigt. Unfassbar.

Die ARD verkaufte den Filmbeitrag ihren Zusehern als sauber recherchierte Dokumentation mit sensationellen Enthüllungen. Ehrlicherweise ist diese öffentlich aber höchstens noch als fiktionale Geschichte zu retten. Dafür wäre aber eigentlich der Programmbereich Fernsehunterhaltung zuständig gewesen, versicherte mir der Fernsehjournalist Ekkehard Sieker. Er konfrontierte Huismann und Regisseur Blondiau intern detailliert mit den Fakten.

Es ging hoch her, woraufhin diese dann Schadensbegrenzung betrieben. Huismann und Blondiau schoben im weiteren Verlauf Fakten nach, die trotz allem ihre eigene Sicht der Dinge belegen sollten. Nebelkerzen: So behauptete Huismann beispielsweise, ein Ausschuss »verhandelt gerade mit der CIA« über die Freigabe einer noch geheim gehaltenen Akte. Genau dieser Ausschuss hatte seine Tätigkeit jedoch bereits acht Jahre zuvor eingestellt.

Bei dem Filmbeitrag der ARD handelt es sich im wahrsten Sinne des Wortes um einen Bluff. Der Bluff flog auf, weil ich sehen wollte. Rätselhaft bleibt, mit welcher Motivation die Verantwortlichen des Senders diese Dokumentation abnehmen und zur Ausstrahlung bringen konnten. Vermutlich trifft der Buchtitel des Faktenchecks den Kern der Sache schon ganz gut: »Rendezvous mit der Quote – Wie die ARD Kennedy durch Castro ermorden ließ«.

Pressemitteilung nach Veröffentlichung der ARD-Dokumentation

Produktion der ARD - Attentat auf Kennedy: Zeugenaussagen halten Überprüfung nicht stand

Der Dokumentarfilmer Huismann versuchte in seinem neuen Film zu belegen, dass Castro den Befehl gab, Kennedy zu ermorden. Bereits der erste Grundpfeiler dieser Theorie hält der Überprüfung nicht stand.

In der Dokumentation »Rendezvous mit dem Tod – Kennedy und Castro« nehmen die Aussagen von Laurence Keenan eine Schlüsselstellung ein. Er reiste weisungsgemäß am 27. November 1963 als FBI-Chefermittler nach Mexiko, »um Oswalds geheime Kontakte in Mexiko zu ermitteln«. Kurz nach Aufnahme der Ermittlungen wurde er vom neuen Präsidenten Lyndon B. Johnson zurückbeordert, weil die Recherchen seines Teams für die amerikanische Regierung zu brisant waren. Heute sagt Laurence Keenan:

»Es war eine bittere Stunde für das FBI. Aus politischen Gründen mussten wir die Wahrheit vertuschen.«

Und bis heute schäme er sich dafür.

»Doch Präsident Johnson befahl nach drei Tagen, die Ermittlungen abzubrechen«.

Unter Eid gab Laurence Keenan jedoch völlig gegenteilige Fakten zu Protokoll. Am 08. April 1976 wurde er vom Church Ausschuss  unter Eid vernommen, der Aktivitäten der Geheimdienste untersuchte. Die Beweisdokumente belegen nicht nur, dass sich das FBI nicht in der Position sah, Untersuchungen in Mexiko durchzuführen. Sein Aufenthalt wurde nach nur wenigen Tagen »frustrierend«, weil es keine Ermittlungsansätze gab, die Oswald mit kubanischen oder anderen Verschwörern in Verbindung bringen könnten. In seiner 120-seitigen Aussage macht er wiederholt auch deutlich, dass er selbst seine weitere Anwesenheit für überflüssig erachtete und allein deshalb abreiste:

»Ich glaubte nicht, dass es notwendig für mich war, dort unten zu bleiben und die Untersuchung zu koordinieren, weil es befähigtere und fähige Leute wie mich gab … .« »… der Teil der Untersuchung, den ich in der Lage war zu tun oder zu vollenden, war getan worden.«

Gab es eine politische Einflussnahme auf seine Untersuchung? Laurence Keenan damals:

»… es gab nichts politisches, in all dem keine politischen Einflüsse … .«

Rückblickend bewertete er seine Reise nach Mexiko noch 1976 als »nicht besonders produktiv«. Gleiches gilt für den aktuellen Dokumentarfilm, der Ausgaben in Höhe von mehreren 100.000 Euro verursachte.

Quellen

(1) Werbeslogan von ARD und ZDF. Während die ARD Castro für das Attentat verantwortlich machte, fand das ZDF in der Mafia den eigentlichen Drahtzieher für die Ermordung von Kennedy. In einem weiteren Abschnitt wird diese Dokumentation einem Faktencheck unterzogen.

(2) Das sogenannte Geheimdossier wurde auf normalem Briefpapier des White House verfasst. Die großflächigen Schwärzungen und die Handschrift sind genauso im Original vorhanden. Es existiert noch eine zweite Seite des Dokuments, welches die Filmautoren aber nicht für ihren Film verwendeten.

(3) Oder in dubio pro reo: Es war ihnen bei der Ausstrahlung der Dokumentation unbekannt. 

Die Originalquellen sind im Buch »Rendezvous mit der Quote - Wie die ARD Kennedy durch Castro ermorden ließ« zu finden, hier das Buch Labyrinth der Wahrheiten - Zum Stand der Forschung beim Attentat auf John F Kennedy.

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